Züri, Zürich, Zurich, Zurigo… und St. Gallen

In der Schweiz ist eigentlich allen klar, dass Zürich das einzige ist, was zählt. Besser www.startseite.sg.ebozavr.com gesagt, ist es allen Zürchern klar. Zürich spielt Musik, Zürich macht Filme, Zürich betreibt Wirtschaft, Zürich geht einkaufen, Zürich tanzt, Zürich lebt. Ein gewisser Grad Herablassung gegenüber der Rest der Schweiz ist unverkennbar. „AG=Achtung Gefahr“, „Bärner, die sind sooooo langsam!“, „Appezell, was isch das?“; kein Kanton bleibt verschont von den kritischen Zürcher Augen. Umgekehrt steht es natürlich nicht anders. Denn für jedes Vorurteil, das ein Zürcher über den Rest der Schweiz hat, hat der Rest der Schweiz auch eines über den Zürcher. Zürcher sind eingebildet, arrogant, asozial.

 

Dieser Feindschaft wegen ist es für jeden Zürcher ein Abenteuer, die Grenzen (seien sie auch nur kantonal) der sicheren, schöneren, besseren Heimat zu übertreten und sich ins gefährliche Ausland zu wagen. Genau als mutigen Helden muss man sich also den Zürcher vorstellen, der sich auf den Weg an die HSG macht. Viel sagt man in Zürich über das Leben in St. Gallen. Über den Dialekt, der Kopfschmerzen bereitet. Über die Leute, die komisch und unfreundlich sind. Über die Stadt, die nichts zu bieten hat. Und wenn dann ein Zürcher trotzdem seinen Freunden schamhaft sagt, er ziehe nach St. Gallen (an die UniSG, versteht sich. Why else?), schauen sie ihn besorgt und bemitleidend an und verschreiben ihm das einzige, was in seiner Situation zu helfen vermag: die sofortige Heimreise nach Zürich am Freitag nach der Vorlesung, die Rückkehr nach St. Gallen so spät wie möglich organisieren, und allgemein in St. Gallen möglichst viel Zeit mit anderen Zürchern verbringen. Mit diesen How-to-survive-in-SG-Tips und seinem Koffer fährt der Zürcher im Bahnhof St. Gallen ein. (In Zürich ist doch der Bahnhof viel grösser und schöner). Er kommt zur Bushaltestelle. (Wo sind die Trams?!). Den Nachmittag verbringt er (mit anderen Zürchern) in der Altstadt am Shoppen. (Ich will die Bahnhofstrasse! Ich will das Niederdörfli!). Am Abend geht er dann ins Trischli (Voll die Nachmachung vom Indochine!), bevor er schneller als in Zürich nach Hause ins Bett geht, weil wenigstens seine Träume ihn in seine Heimat tragen können.

Leider blenden Vorurteile oft. Denn alles, was in St. Gallen „objektiv“ gut ist (wenn man das so sagen kann), empfindet der Zürcher in Zürich ebenfalls als gut und kann es in SG nicht schätzen. Alles schlechte, hingegen, ist ein tragisches Aushängeschild für St. Gallen und löst endlose Beschwerden aus. Dabei geht auch vieles unbemerkt, was St. Gallen bietet, aber Zürich nicht. So zum Beispiel die Bildschirme im öffentlichen Verkehr, die aktuelle Nachrichten zeigen. Oder die Frau an der Kasse, die den Einkauf trotzdem erlaubt, auch wenn 10 Rappen fehlen. Die vielen Leute, die sich die Zeit nehmen mitzuhelfen, wenn man den Weg zum Club sucht. Die StudentInnen-Partys, an denen Drinks 5 CHF kosten, für die man in Zürich locker 20 CHF zahlt. Man kann sagen, St. Gallen sei nicht Zürich, gleichzeitig muss man aber feststellen, dass Zürich nicht St. Gallen ist. Die relativ kleine Stadt bietet abgesehen von billigen Drinks, coolen Partys, und informative Busse eine allgemeine Freundlichkeit, von der man in einer Grossstadt wie Zürich nur träumen kann. Dies erkennen auch alle Zürcher, sobald sie sich zu dieser Erkenntnis öffnen. Lang geht dies nicht unbedingt. So eine Freundin auf Facebook, die vorgestern entsetzt nach SG gezogen ist, bei einem Check-In am Marktplatz: St. Gallen gefällt langsam!

Vielleicht fahren wir doch mal erst am Samstag nach Hause..

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