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Sep 14

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Hans-Rudolf Merz: Das Interview

Am Dienstagabend fand der alljährliche Alumniabend während der Startwoche statt. Dieses Jahr hatte die Universität St. Gallen einen exklusiven Gast: Hans-Rudolf Merz gewährten den angehenden Studenten der Universität St. Gallen eine Einblick in sein eigenes Studentenleben.

Das Doku-Team 2011 hatte die Möglichkeit ihm nach seinen Schilderungen einige Fragen zu stellen. 

Zuerst möchten wir Ihnen einige Fragen Stellen zum Thema „Hans-Ruedi als Student“: Heute ist unser zweiter Tag an der HSG. Sie waren vor 50 Jahren in genau derselben Situation. Wie war dies damals für Sie?

Ich habe mich komplett frei gefühlt. In der Schule war es obligatorisch, alle Fächer zu besuchen und wenn man sich nicht an diese Regel gehalten hat, wurde man notiert. An der Universität konnte man Vorlesungen weglassen und hatte die Möglichkeit, sich vertieft mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Die ganze Atmosphäre war weniger schulisch als vorher und das habe ich sehr genossen.

Wie waren Sie als Student? Haben Sie viel gefeiert, waren Sie an Vereinen beteiligt oder haben Sie eher gebüffelt?

Nein, ich habe die Freizeit ausgekostet. Ich war Mitglied einer Verbindung und war bereits damals sehr mit dem Theater verbunden. Insbesondere mag ich Opern. Im Gymnasium war ich fünf Jahre im Internat und mein Zimmernachbar ist ein berühmter Basssänger geworden. Ich habe ihn bereits damals sehr bewundert; er hat klassischen Gesangsunterricht genommen als wir noch Volkslieder sangen. Später ist er Opernsänger geworden. Ich bin bis heute mit ihm befreundet und wenn er irgendwo auf der Welt gesungen hat, sei es in der Metropolitan Opera in New York oder in Salzburg, habe ich ihn besucht. Mir war also bereits damals die Kultur sehr wichtig.

Wir sind 1400 Neuankömmlinge, die alle aus verschiedenen Gründen an der HSG studieren. Was hat Sie hierher gebracht?

Die Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Ich wohnte in Herisau und konnte mit den Zug in zehn Minuten in St. Gallen sein. Dies war effektiv eine ganz pragmatische Entscheidung. Umgekehrt gesagt wäre für mich ein Ingenieurberuf nicht in Frage gekommen, weil ich in der Mathematik miserable Noten hatte. Ich wollte ebenfalls nicht Arzt werden, da ich selber keine Spritzen anschauen kann. Von dem her war für mich klar, dass ich mich in die Richtung Betriebs- und Volkswirtschaft bewegen möchte.

Nun ein paar Fragen zu Ihrer Karriere als Bundesrat: Wie hat Ihr Studium an der HSG Ihre politische Karriere und Ihr Berufsleben beeinflusst?

Es hat mich sehr stark, aber erst später wieder beeinflusst. Ich war Assistent im Finanzinstitut und arbeitete im Bereich des Steuerrechts, welches ich dann nie mehr gebraucht habe, bis ich 1997 Bundesrat wurde und dann auch Finanzminister. Ich war plötzlich wieder mit Finanzrecht und Steuerrecht konfrontiert. Was ich an der Universität gelernt hatte, hatte viele Jahre geschlummert und erwachte plötzlich aus dem Dornröschenschlaf.

Als Bundesrat trugen Sie viel Verantwortung. Hat Sie Ihr Studium an der HSG gut darauf vorbereitet?

Ich glaube schon. Ich habe im Bundesrat nicht nur das eigene Finanzdepartement vertreten, sondern auch an den Entscheidungen des gesamten Bundesrats, sprich der anderen Departemente, teilgenommen und da ging es natürlich auch um Rechtsfragen und um diplomatische Fragen. Dort musste ich ebenfalls Aspekte aus der Physik und Chemie wieder in Erinnerung rufen, wenn wir über ökologische Fragen diskutiert haben. Das, was ich an der Universität gelernt hatte, bekam plötzlich einen neuen Stellenwert.

Sie waren erst in Dienst einer wohlhabenden Minderheit danach in dem eines ganzen Volkes. Wie haben Sie diesen Unterschied meistern können?

Für mich war das kein grosser Unterschied. Ich war immer volksnahe und habe übrigens weitgehend mein Studium selber finanzieren müssen. Ich habe für eine chemische Reinigung in St. Gallen gearbeitet. Am Morgen habe ich die Wäsche eingesammelt und am Abend habe ich diese sauber wieder zurückgebracht. Ich habe in Vereinen mitgewirkt und war im Eishockeyteam, im Militär und war in soziale Strukturen integriert. Es war von dem her kein Problem für mich.

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